Als Sandwich-Generation gelten Menschen, die gleichzeitig Kinder erziehen und Eltern oder Schwiegereltern unterstützen oder pflegen. Der Begriff stammt aus den USA und beschreibt eine Doppelbelastung, die in Deutschland lange wenig Aufmerksamkeit bekam. Das ändert sich, weil sich die Lebensläufe verschoben haben: Eltern werden später, die eigene Elterngeneration lebt länger und bleibt länger hilfsbedürftig. Die mittlere Lebensphase, in der beides zusammenfällt, ist gewachsen.

Wie viele Menschen in Deutschland genau beide Aufgaben gleichzeitig tragen, ist amtlich nicht beziffert. Eine belastbare Gesamtzahl der Sandwich-Pflegenden gibt es nicht, weder beim Statistischen Bundesamt noch in der Forschung. Was es gibt, sind die Bausteine: Zahlen zu Pflege, zu Kinderbetreuung und zu den Folgen für Einkommen und Gesundheit.

7,1 Mio.Menschen pflegen oder betreuen mindestens einmal pro Woche eine Person mit dauerhaften gesundheitlichen Einschränkungen, 63,9 Prozent davon FrauenDestatis, Zeitverwendungserhebung 2022

Wer pflegt, und wie viel

5,7 Millionen Menschen waren Ende 2023 pflegebedürftig, 86 Prozent davon werden zu Hause versorgt. 3,1 Millionen erhalten ausschließlich Pflegegeld, ihre Versorgung liegt überwiegend bei Angehörigen. Das Bundesfamilienministerium spricht von 7,1 Millionen pflegenden Angehörigen und Nahestehenden, die Mehrheit davon erwerbstätig. Die Zeitverwendungserhebung des Statistischen Bundesamtes zählt 7,1 Millionen Menschen ab 10 Jahren, die mindestens wöchentlich pflegen oder betreuen, darunter 4,5 Millionen Frauen.

Der Zeitaufwand ist ungleich verteilt. 1,12 Millionen Menschen wenden mehr als 20 Stunden pro Woche auf. Nach der Erhebung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) sind erwerbstätige Frauen doppelt so häufig pflegend wie erwerbstätige Männer: 12 Prozent gegenüber 6 Prozent. Der Gender Care Gap, die Lücke bei unbezahlter Arbeit insgesamt, lag 2022 bei 44,3 Prozent.

Erwerbstätige mit Pflegeverantwortung
014 %12Frauen6Männer

Anteil der Erwerbstätigen, die mindestens wöchentlich pflegen oder betreuen. Quelle: WSI GenderDatenPortal auf Basis der Zeitverwendungserhebung 2022.

Was die Doppelbelastung kostet

Die beste verfügbare Forschung zum Thema kommt aus einer Langzeitstudie auf Basis des Sozio-oekonomischen Panels, veröffentlicht im November 2025 in der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. Sie untersucht, was passiert, wenn Menschen informelle Pflege der Eltern und Kinderbetreuung gleichzeitig tragen. Das Ergebnis ist eindeutig: Sandwich Care senkt Arbeitseinkommen, Arbeitsstunden und Lebenszufriedenheit, und die Effekte halten über die akute Phase hinaus an. Signifikant sind die Verluste bei Frauen. Bei Männern lassen sich vergleichbare Effekte statistisch nicht nachweisen.

Das deckt sich mit den Querschnittsdaten. Nach dem DIW-Wochenbericht 37/2025 liegt das Erwerbseinkommen von Menschen, die im eigenen Haushalt pflegen, im Mittel bei 2.400 Euro und damit rund 25 Prozent unter dem von außerhäuslich Pflegenden. Der Anteil der Erwerbstätigen ist bei innerhäuslicher Pflege mit 44 Prozent deutlich niedriger als bei außerhäuslicher Pflege mit 64 Prozent. Wer pflegt, reduziert Stunden, gibt Karriereschritte auf oder steigt aus, und das überwiegend in der Lebensphase, in der die Einkommensentwicklung am steilsten verläuft.

Begriff
Sandwich Care

Informelle Pflege von Eltern oder Schwiegereltern bei gleichzeitiger Betreuung eigener Kinder. Die Forschungsliteratur verwendet den Begriff für beide Aufgaben in derselben Lebensphase, nicht für einzelne Pflegetage. Gemessen werden Folgen für Einkommen, Arbeitszeit und Wohlbefinden im Längsschnitt.

Warum die Belastung unsichtbar bleibt

Drei Mechanismen halten das Problem unter dem Radar. Erstens geschieht die Arbeit im Privaten und wird nicht als Erwerbsausfall verbucht. Zweitens beginnt Pflege selten geplant: Ein Sturz, eine Diagnose, ein Krankenhausaufenthalt, und die Zuständigkeit klärt sich über Nacht. Drittens greifen die bestehenden Instrumente nur schwach. Die Freistellungsregeln nach dem Pflegezeitgesetz sind da, aber die Nutzung ist gering: Das zinslose Darlehen der Familienpflegezeit wurde seit 2015 insgesamt 921-mal beantragt, im Schnitt also 87 bis 259 Fälle pro Jahr. Der unabhängige Beirat für die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf schlägt deshalb vor, Pflegezeit und Familienpflegezeit zu einem steuerfinanzierten Familienpflegegeld nach dem Vorbild des Elterngeldes zusammenzuführen, für bis zu 36 Monate. Beschlossen ist davon nichts, es ist eine Empfehlung.

Arbeitgeber können unabhängig davon handeln. Was in Betrieben nachweislich hilft, ist unspektakulär: verlässliche Teilzeitmodelle mit Rückkehrrecht, die Möglichkeit, kurzfristig Stunden zu verschieben, wenn ein Arzttermin oder ein Pflegedienstbesuch ansteht, und Vorgesetzte, die Pflege als Normalfall behandeln und nicht als Ausnahme. Wer solche Regeln schriftlich fasst, verhindert, dass sie vom Wohlwollen einzelner Personen abhängen.

Was Familien von der Politik brauchen

Die Forschung benennt drei Lücken. Die finanzielle: Pflege kostet Einkommen, und der Lohnersatz für die Akutphase, das Pflegeunterstützungsgeld, deckt zehn Tage im Jahr, nicht die Monate danach. Die strukturelle: Pflege ist zeitlich kaum planbar, die Instrumente aber setzen Ankündigungsfristen von acht bis zehn Tagen voraus. Die geschlechtsspezifische: Solange die Doppelbelastung überwiegend bei Frauen landet, vererbt sie sich in niedrigere Renten. Wer die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf regeln will, findet die geltenden Freistellungs- und Unterstützungsregeln dort im Einzelnen.

Für die Gesellschaft ist die Sandwich-Situation kein Randphänomen, sondern ein Vorzeichen. Die Zahl der Menschen ab 67 wächst bis 2038 um bis zu 4,5 Millionen, gleichzeitig verschiebt sich die Familienphase nach hinten. Wer heute 45 ist, hat gute Chancen, mit 55 gleichzeitig ein studierendes Kind und einen pflegebedürftigen Elternteil zu versorgen. Die Frage ist nicht, ob dieser Fall eintritt, sondern wie gut das System darauf vorbereitet ist. Die Daten sagen: noch nicht gut genug.

Quellen und Methodik

  1. Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 478 vom 18.12.2024: Pflegestatistik 2023 (18.12.2024)
  2. Statistisches Bundesamt, Zeitverwendungserhebung 2022, Statistischer Bericht (revidiert 06.06.2025) (06.06.2025)
  3. Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung vom 28.03.2024: Gender Care Gap 2022 (28.03.2024)
  4. DIW Berlin, Wochenbericht 37/2025: Größter Pflegedienst in Deutschland (2025)
  5. King, Markus Klaus; Deindl, Christian: The Impact of Sandwich Care on Employment and Well-Being in Germany, KZfSS, online 21.11.2025 (21.11.2025)
  6. BMFSFJ, Themenseite Die Familienpflegezeit (13.08.2026)
  7. BMFSFJ, Zweiter Bericht des unabhängigen Beirats für die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf (2024)
  8. WSI GenderDatenPortal, Pflege-01, auf Basis der Zeitverwendungserhebung 2022 (2025)

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