2026 ist für die deutsche Gesundheitspolitik ein Jahr mit ungewöhnlich vielen gleichzeitigen Baustellen. Die Krankenhausreform wird angepasst, die Beitragssätze wurden zum vierten Mal in Folge erhöht, ein Sparpaket ist seit Ende Juli Gesetz, und die elektronische Patientenakte ist flächendeckend eingeführt, wird aber kaum genutzt. Wer verstehen will, wie es Patienten 2027 ergeht, muss zuerst die Grundarchitektur kennen.

Wie das System gebaut ist

Deutschland versichert seine Bevölkerung über zwei parallele Systeme. In der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) waren 2025 im Jahresdurchschnitt 74,5 Millionen Menschen versichert, davon 58,7 Millionen als Mitglieder. Die private Krankenversicherung (PKV) zählte 2025 rund 8,8 Millionen Vollversicherte. Anders als in steuerfinanzierten Systemen trägt sich die GKV über Beiträge aus Löhnen und Renten, die zur Hälfte von Arbeitgebern mitgetragen werden.

Die Versorgung ist dreigeteilt: Der ambulante Sektor mit rund 191.900 Vertragsärzten und Psychotherapeuten behandelt die allermeisten Kontakte. 1.841 Krankenhäuser mit rund 472.900 Betten übernehmen die stationäre Versorgung, 17,5 Millionen Patienten wurden 2024 dort behandelt. Dazu kommen Pflege, Rehabilitation und Arzneimittel. Die Selbstverwaltung, vor allem der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), entscheidet, was die Kassen bezahlen, und zwar auf gesetzlicher Grundlage.

6,2 Mio.Beschäftigte arbeiten im Gesundheitswesen, darunter rund 1 Million examinierte PflegekräfteDestatis, Beschäftigtenstatistik Ende 2024

Das System ist teuer, weil es viel leistet. 2024 gaben Deutschland und seine Bürger 538,2 Milliarden Euro für Gesundheit aus, 6.444 Euro je Einwohner. Das entspricht 12,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, dem höchsten Wert in der EU. Deutsche gehen im Schnitt 9,6-mal pro Jahr zum Arzt, mehr als in fast jedem anderen Land. Kein anderes EU-Land hält so viele Krankenhausbetten pro Einwohner vor: 8 je 1.000 Einwohner.

Krankenhäuser: Reform und Anpassung im laufenden Betrieb

Die Krankenhausreform, die 2025 mit dem Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz (KHVVG) begann, steht für einen Systemwechsel: Vergütung nicht mehr allein nach Fallzahlen, sondern zu einem Teil für das Vorhalten von Strukturen. Die Länder sollen Kliniken sogenannte Leistungsgruppen zuweisen, die an Qualitätskriterien gebunden sind.

Die Umsetzung erwies sich als schwieriger als geplant. Das Krankenhausreformanpassungsgesetz (KHAG), seit dem 15. April 2026 in Kraft, reagiert darauf: Die Zahl der Leistungsgruppen sinkt von 65 auf 61, die Zuweisung soll einfacher werden, und die Vorhaltevergütung kommt später. 2026 und 2027 läuft sie budgetneutral, die Umstellung auf das neue Vergütungssystem streckt sich bis 2030. Ein Transformationsfonds von 50 Milliarden Euro bis 2035, davon 29 Milliarden vom Bund, soll Schließungen, Umzüge und Umbauten finanzieren.

Der Druck auf die Häuser ist real. 2024 schrieben nach dem Krankenhaus Barometer des Deutschen Krankenhausinstituts zwei Drittel der Krankenhäuser Verluste, so viele wie nie seit Einführung der Fallpauschalen 2003. Die Zahl der Kliniken sinkt seit Jahren, von 1.874 im Jahr 2023 auf 1.841 im Jahr 2024.

Begriff
Vorhaltevergütung

Ein Teil der Krankenhausfinanzierung, der unabhängig von der Zahl der behandelten Fälle gezahlt wird. Er soll Personal und Infrastruktur finanzieren, die vorgehalten werden müssen, auch wenn gerade weniger Patienten kommen. Eingeführt durch das KHVVG, nach Anpassung durch das KHAG voll wirksam ab 2030.

Finanzierung: Der Zusatzbeitrag steigt, die Reserven schmelzen

Die GKV wird über den allgemeinen Beitragssatz von 14,6 Prozent und den kassenindividuellen Zusatzbeitrag finanziert. Der durchschnittliche Zusatzbeitrag lag 2025 bei 2,5 Prozent, für 2026 wurde er auf 2,9 Prozent festgesetzt. Tatsächlich erheben die Kassen Ende März 2026 im Schnitt 3,13 Prozent, weil viele ihre abgeschmolzenen Reserven wieder auffüllen.

Die Lage ist angespannt. Der Schätzerkreis, der die Finanzentwicklung offiziell vorhersagt, kam für 2026 erstmals zu keiner einvernehmlichen Ausgabenprognose. Er beziffert die Unterdeckung auf 56,8 bis 57,3 Milliarden Euro, die über Zusatzbeiträge gedeckt werden muss. Die Reserven der Kassen lagen im ersten Quartal 2026 bei 6,18 Milliarden Euro, das entspricht 0,2 Monatsausgaben und damit dem gesetzlichen Minimum. Für 2027 nennt das Bundesministerium für Gesundheit eine Finanzierungslücke von 19 Milliarden Euro.

Das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz, seit dem 30. Juli 2026 in Kraft, ist die Antwort. Es kappt Ausgaben: keine Erstattung mehr für Homöopathie und Cannabisblüten, höhere Hersteller- und Apothekenabschläge bei Arzneimitteln, Zuzahlungen einmalig um 50 Prozent erhöht, Zuschüsse für Zahnersatz um 10 Prozent gesenkt. Bei der beitragsfreien Familienversicherung gilt ab 2028: Nur wer Kinder betreut, Pflegegrad 3 bis 5 hat oder erwerbsgemindert ist, bleibt beitragsfrei. Alle anderen zahlen einen Zusatzbeitrag von 2,5 Prozent des Partnereinkommens.

Personal: Der Engpass ist hausgemacht

446.000 Ärztinnen und Ärzte waren Ende 2025 berufstätig, so viele wie nie. Trotzdem sind nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung rund 5.000 Hausarztsitze unbesetzt, und die Altersstruktur verschärft das Problem: Knapp ein Viertel der Ärzteschaft ist 60 Jahre oder älter, bei den Hausärzten waren es 2025 bereits 37 Prozent. Eine Studie prognostiziert rund 12.000 freie Hausarztsitze bis 2040.

Bei der Pflege ist die Rechnung eindeutig. Das Statistische Bundesamt rechnet vor, dass bis 2049 zwischen 280.000 und 690.000 Pflegekräfte fehlen werden, im Trendszenario schon 2034 rund 90.000. Der Bedarf wächst, weil die Zahl der Hochaltrigen wächst. Wie die Pflegeversicherung auf diesen Bedarf trifft, ist ein eigenes Kapitel.

Digitalisierung: Eingeführt ist nicht genutzt

Die elektronische Patientenakte (ePA) wurde ab April 2025 flächendeckend eingeführt, wer sie nicht wollte, musste widersprechen. Ein Jahr später haben rund 73 Millionen Versicherte eine ePA, und mehr als 100 Millionen Dokumente sind eingestellt. Der Alltagstest fällt nüchterner aus: Weniger als 4 Prozent der Versicherten nutzen die Akte aktiv, viele Praxen und Krankenhäuser sind noch in der Umstellung. Beim E-Rezept ist der Durchbruch dagegen geschafft: Im Oktober 2025 wurde das milliardste Rezept eingelöst.

Was Patienten davon merken

In der Praxis kommt von alldem wenig gleichzeitig an. Sichtbar sind zuerst die höheren Beiträge und Zuzahlungen. In ländlichen Regionen merken Patienten, wenn die nächste Hausarztpraxis schließt und kein Nachfolger kommt. Im Krankenhaus merken sie die Reform zunächst kaum: Die Leistungsgruppen werden erst nach und nach zugewiesen, die Vorhaltevergütung greift später. Am deutlichsten spürbar ist der Personalmangel, und zwar dort, wo er Wartezeiten und Wege verlängert.

Was die Bundesregierung an der Notfallversorgung ändern will, lässt sich ebenfalls schon konkret beschreiben, auch wenn das Gesetz noch nicht beschlossen ist. Die Übersicht über alle Artikel zum Thema bündelt das Dossier „Gesundheitssystem 2026“.

Was bis 2027 offen bleibt: ob die Sparmaßnahmen ausreichen, um die Beitragssätze zu halten, ob die Krankenhausreform die erhoffte Konzentration auf weniger, besser ausgestattete Standorte bringt, und ob die Digitalisierung den Praxen Zeit zurückgibt statt sie zu kosten. Das System hat in den vergangenen Jahren bewiesen, dass es Versorgung auf hohem Niveau sichern kann. Ob es das auch mit 19 Milliarden Euro weniger kann, entscheidet sich 2027.

Quellen und Methodik

  1. Bundesministerium für Gesundheit, GKV-Statistik KM1: Mitglieder und Versicherte, Jahresdurchschnitt 2025 (2025)
  2. PKV-Verband, Pressemitteilung vom 04.02.2026: PKV-Branchenzahlen 2025 (04.02.2026)
  3. Statistisches Bundesamt, Krankenhausstatistik 2024 (Grunddaten), veröffentlicht 06.11.2025 (06.11.2025)
  4. Bundesärztekammer, Ärztestatistik zum 31.12.2025 (31.12.2025)
  5. Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 030 vom 27.01.2026: Beschäftigte im Gesundheitswesen 2024 (27.01.2026)
  6. Bundesamt für Soziale Sicherung, Bericht des GKV-Schätzerkreises 2025 (05.11.2025)
  7. Bundesministerium für Gesundheit, Pressemitteilung vom 19.06.2026: Finanzentwicklung der GKV im 1. Quartal 2026 (19.06.2026)
  8. Bundesministerium für Gesundheit, Gesetzesdokumentation Krankenhausreformanpassungsgesetz (KHAG) (15.04.2026)
  9. Bundesministerium für Gesundheit, Gesetzesdokumentation GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz (30.07.2026)
  10. Deutsches Krankenhausinstitut, Krankenhaus Barometer 2025 (29.12.2025)
  11. Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 115 vom 02.04.2026: Gesundheitsausgaben 2024 (02.04.2026)
  12. gematik, Pressemitteilung vom 15.04.2026: Ein Jahr ePA für alle (15.04.2026)

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