Deutschland schrumpft leicht und altert deutlich. Ende 2025 lebten 83,5 Millionen Menschen im Land, 110.000 weniger als ein Jahr zuvor. Es war der erste Bevölkerungsrückgang seit 2020. Dahinter stehen zwei gegenläufige Bewegungen: ein Geburtendefizit von 352.000 Menschen und ein Wanderungssaldo von plus 235.000. Der entscheidende Punkt für die kommenden zwei Jahrzehnte ist aber nicht die Gesamtzahl. Es ist die Zusammensetzung.
Wie viele ältere Menschen in Deutschland leben werden, lässt sich mit vergleichsweise hoher Sicherheit vorhersagen. Wer im Jahr 2038 67 Jahre oder älter sein wird, ist heute bereits geboren. Die Unsicherheit liegt bei Zuwanderung, Geburten und Lebenserwartung. Deshalb rechnet das Statistische Bundesamt nicht mit einer Zahl, sondern mit Szenarien.
Die 16. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes wurde am 11. Dezember 2025 veröffentlicht. Sie rechnet 27 Varianten und 3 Modellrechnungen bis 2070, Basis ist der Bevölkerungsstand vom 31. Dezember 2024. Die Hauptvariante (Variante 2) nimmt eine moderate Geburtenhäufigkeit, einen moderaten Anstieg der Lebenserwartung und langfristig 250.000 Zuzüge pro Jahr an. Alle Zahlen in diesem Artikel, die sich auf die Zukunft beziehen, stammen aus dieser Variante, sofern nichts anderes angegeben ist.
Was sich bis 2038 nicht mehr aufhalten lässt
Die Zahl der Menschen ab 67 Jahren steigt von 16,7 Millionen im Jahr 2024 auf 20,5 bis 21,3 Millionen im Jahr 2038. Das Statistische Bundesamt nennt diese Spanne, weil die Varianten unterschiedliche Zuwanderung annehmen. In der Hauptvariante sind es 20,4 Millionen im Jahr 2035 und 20,9 Millionen im Jahr 2040.
2024: Ist-Wert. Ab 2030: Projektion. Quelle: Destatis, 16. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung, Variante 2.
Schon 2035 wird in allen Varianten jede vierte Person in Deutschland 67 Jahre oder älter sein. Der Anteil lag 2024 bei 20 Prozent. Der Altenquotient, also die Zahl der Menschen ab 67 je 100 Personen im Alter von 20 bis 66, steigt von 33 auf 45 im Jahr 2038 in der Hauptvariante. Das ist die Größe, die viele Debatten antreibt: weniger Menschen im Erwerbsalter müssen mehr Menschen im Rentenalter mittragen.
Die Gruppe der Hochaltrigen wächst später, aber stärker. Menschen ab 80 Jahren: 6,1 Millionen im Jahr 2024, rund 6 Millionen bis 2030, dann 9,1 Millionen im Jahr 2050. Der Anteil der ab 80-Jährigen an der Bevölkerung verdoppelt sich von 7 auf bis zu 13 Prozent bis 2050. Für die Pflege ist das die relevantere Kurve als die Altersgrenze 67: 2023 war die Hälfte der ab 80-Jährigen pflegebedürftig.
Wo Deutschland altert, entscheidet sich lokal
Der Bundesdurchschnitt verdeckt, wie unterschiedlich die Entwicklung regional verläuft. Die ostdeutschen Flächenländer haben den Wandel bereits hinter sich: Dort lag der Altenquotient schon 2024 bei 42, im Westen bei 31, in den Stadtstaaten bei 24. Der Anteil der Menschen ab 67 betrug in Ostdeutschland 24 Prozent, im Westen 20 Prozent.
Bis 2070 schrumpft die Bevölkerung in den ostdeutschen Flächenländern in allen Varianten, um 14 bis 30 Prozent. Die westdeutschen Flächenländer verlieren in der Hauptvariante rund 10 Prozent. Wachstum gibt es nur in zwei von 27 Varianten bundesweit, und unter den Stadtstaaten legt Berlin in den meisten Szenarien zu.
2025 zeigte sich das Muster bereits in den Ist-Zahlen: Nur Berlin, Hamburg und Bremen wuchsen. Am stärksten schrumpften Thüringen mit minus 1,0 Prozent und Sachsen-Anhalt mit minus 0,7 Prozent.
Für Städte und Gemeinden heißt das: Der demografische Wandel ist keine abstrakte Bundesstatistik. Er ist eine kommunale Planungsgröße.
Vier Felder, auf denen der Wandel ankommt
Wohnen
Der Wohnungsbestand ist auf jüngere Haushalte ausgelegt. Nur 18,8 Prozent der Haushalte mit Menschen ab 65 haben einen stufenlosen Zugang zum Gebäude. Welche Folgen das hat, erklärt unser Artikel zum Wohnen im Alter. Wenn die Zahl der Haushalte mit Menschen ab 80 in den 2030er-Jahren stark steigt, wächst die Nachfrage nach barrierearmen Wohnungen dort, wo der Bestand am wenigsten hergibt.
Mobilität und Versorgung
In schrumpfenden Regionen werden Wege länger: zum Arzt, zum Einkaufen, zur Behörde. Wo Buslinien ausgedünnt werden, trifft das zuerst Menschen, die nicht Auto fahren können oder wollen. Kommunen stehen vor der Aufgabe, Versorgung und Erreichbarkeit bei sinkender Bevölkerungsdichte zu organisieren.
Gesundheit und Pflege
Die Zahl der Pflegebedürftigen folgt der demografischen Kurve mit Verzögerung. Wie das Gesundheitssystem unter Druck gerät, lässt sich an den Projektionen ablesen: Bis 2049 fehlen nach der Vorausberechnung des Statistischen Bundesamtes zwischen 280.000 und 690.000 Pflegekräfte.
Kommunale Finanzen
Wer die Altersstruktur einer Gemeinde kennt, kann ihre Ausgaben grob vorhersagen. Kindertagesstätten, Schulen, Pflegeinfrastruktur, ÖPNV: Der Bedarf verschiebt sich mit den Jahrgängen. In Regionen, die gleichzeitig altern und schrumpfen, sinken zugleich Steuereinnahmen und Investitionsspielräume.
Was altersfreundliche Kommunen konkret tun
Kommunen, die den Wandel aktiv gestalten, arbeiten selten mit großen Einzelprojekten. Bewährt haben sich Maßnahmen, die Alltagswege betreffen: Bänke in sinnvollen Abständen, abgesenkte Bordsteine an Überwegen, Bushaltestellen mit Sitzgelegenheit und Wetterschutz, öffentliche Toiletten, erreichbare Hausarztpraxen. Die Wirkung solcher Maßnahmen zeigt sich weniger in Statistiken als in der Frage, ob ein Mensch mit Rollator den Weg zum Markt allein bewältigt.
Landes- und Bundesprogramme setzen dort an. Der Umbau von Wohnungen wird gefördert, das Pflegeversicherungsrecht kennt Zuschüsse für Wohnraumanpassung. Entscheidend ist, dass solche Programme dort ankommen, wo der Bedarf am größten ist und nicht dort, wo die Antragskompetenz am höchsten ist.
Fünf Kennzahlen, die bis 2030 zählen
- Menschen ab 67: steigt von 16,7 auf 18,7 Millionen bis 2030, der Anstieg beschleunigt sich danach.
- Altenquotient: von 33 (2024) auf etwa 40 bis 2030, die Spitze folgt erst 2038.
- Menschen ab 80: bleibt bis 2030 bei rund 6 Millionen, der starke Anstieg beginnt danach.
- Erwerbsalter: Die Gruppe der 20- bis 66-Jährigen sinkt in der Hauptvariante bis 2035 um 4,0 Millionen. Ohne Zuwanderung wären es 6,2 Millionen weniger.
- Kommunale Daten: Die regionalen Vorausberechnungen der Landesämter zeigen für jeden Kreis, wann die Entwicklung kippt. Die Bundeswerte helfen nur als Hintergrund.
Die Lebenserwartung bleibt der stille Faktor. 2024 lag sie bei 83,5 Jahren für Frauen und 78,9 Jahren für Männer. Die Projektionen nehmen einen weiteren moderaten Anstieg an. Jeder zusätzliche Monat Lebenserwartung verschiebt die Kurven für Pflege, Rente und Wohnen nach oben.
Was der demografische Wandel für Familien bedeutet, die gleichzeitig Kinder betreuen und Eltern unterstützen, beschreibt unser Artikel zur Sandwich-Generation. Den Überblick über alle Artikel zum Thema bündelt das Dossier „Deutschland wird älter“.
Quellen und Methodik
- Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 446 vom 11.12.2025: 16. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung (11.12.2025)
- Statistisches Bundesamt, Statistischer Bericht zur 16. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung (Excel, alle Varianten) (11.12.2025)
- Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 203 vom 16.06.2026: Bevölkerung Ende 2025 (16.06.2026)
- Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 266 vom 22.07.2025: Lebenserwartung 2024 (22.07.2025)
Alle Zahlen und Aussagen in diesem Artikel stammen aus den angegebenen Quellen. Wo wir Interpretationen vornehmen, sind sie als solche kenntlich. Dieser Artikel wird bei wesentlichen Änderungen der Sach- oder Rechtslage aktualisiert.
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